Reformationsjubiläum 2017
Gemeinsamer Festakt zum Reformationsjubiläum der Kirchenkreise Soest und Arnsberg

Ohne Luther wäre die Welt ärmer

Hochkarätige Referenten, ein beeindruckendes Luther-Schauspiel und ein vollbesetztes Gemeindezentrum - die beiden Evangelischen Kirchenkreise Arnsberg und Soest haben das 500. Reformationsjubiläum am vergangenen Samstag mit einem eindrucksvollen Festakt gefeiert.

Mit dem evangelischen Kirchenhistoriker Prof. Dr. Albrecht Beutel aus Münster und Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert - nach eigener Aussage »ein protestantisch veranlagter Katholik« - fesselten zwei äußerst profunde Redner das Publikum.
Superintendent Alfred Hammer begrüßte – auch im Namen seines Soester Kollegen Dieter Tometten - 350 Gäste  aus Politik, Bildungseinrichtungen, Justizbehörden, Wirtschaft, den Gemeinden, den  beiden Kirchenkreisen sowie aus der Katholischen Kirche und der Freikirche.
Eine gemischte Bläsergruppe aus Soest und Arnsberg unter Leitung von Landesposaunenwart Ulrich Diekmann eröffneten den Festakt mit einer prächtigen Fanfare. »Dieses Fest ist im Kern ein Christusfest. Es soll keinen Helden feiern. Es soll von der biblischen Botschaft ausgehend Impulse setzen«, legte Hammer die Grundlage für den Festakt.

Dementsprechend lehnte Beutel drei Zerrbilder der Luther-Vergegenwärtigung ab: Luther sei kein Kirchengründer, kein Nationalheld und auch kein Freiheitskämpfer gewesen. Vergangene Epochen, unter anderem der Nationalsozialismus, während dessen Herrschaft der 450. Geburtstag des Reformators gefeiert wurde, haben Bilder über Luther geprägt, die weniger über diesen aussagen als über die Zeit, in der sie entstanden.

»Luther ist nicht unser Zeitgenosse«, hielt Beutel fest. Trotzdem spüre man seinene Einfluss auf unser Leben bis heute. Der Münsteraner Kirchenhistoriker begründete das mit »Luthers Fernwirkungen« auf Glauben, Kultur und Lebenskunst: Luther habe jeden Menschen ermutigt, seinen eigenen Glauben unabhängig von anerkannten Lehrmeinungen auszudrücken, dabei den Unterschied zwischen Gott und Welt, Vernunft und Glaube zu wahren.
Immer noch relevant sei Luthers Sprachfähigkeit. Er habe das »Instrument der menschlichen Rede: zartfühlend, musikalisch bis grob« beherrscht. In einfachen Worten habe Luther »sagen wollen, was Sache ist.«
Luther sei es darum gegangen, ohne Angst vor dem Tod zu leben. Arbeiten solle der Mensch intensiv - jedoch ohne Leistungsdruck. Leistung sei für ihn »keine Maßeinheit für Menschenwürde« gewesen. Würde bekomme jeder Mensch von Gott. Das hielte ab von blindem Aktivismus und befreie zu selbstlosem Einsatz für andere. »Wie die Welt ohne Luther aussähe, wissen wir nicht, ärmer wäre sie auf jeden Fall ohne ihn.«

Der Politiker Lammert betonte, dass Luther ursprünglich keine Kirchenspaltung gewollt habe. Sie sei geschehen, weil das Konstanzer Reformkonzil im 15. Jahrhundert misslang, weil die deutschen Landesfürsten Luther für ihre Zwecke politisch missbrauchten und eine zentrale stattliche Autorität damals gefehlt habe. Heute müsse die Spaltung überwunden werden. Das versteht Lammert als sachgemäße Aufarbeitung der Reformation.
In Glaubensfragen sei seiner Meinung nach eine Einigung möglich, die Kirchen selbst wollten sich allerdings als eigenständige Institutionen behaupten. »Das verstehe ich als Suizidversuch". Die Kirchen ständen sich selbst im Weg mit ihrem Interesse, als Institution zu bestehen. Sie vergäßen darüber, warum sie existieren.

Wie die politischen Parteien litten Kirchen heute unter der allgemeinen Institutionskritik. Sie begründeten reflexhaft sinkende Mitgliederzahlen - die einen mit Politikverdrossenheit, die anderen mit Glaubensverlust. »Ich glaube, das ist zu kurz gegriffen«. Würden sie daran arbeiten, die Spaltung zu überwinden, kämen sie ihrem Zweck näher und würden Menschen gewinnen. Ein liberaler moderner Staat brauche, so Lammert, Religion, die sich als Privatangelegenheit verstehe und ihre Bedeutung für die Gesellschaft erkenne.
Albert Henz, Vizepräsident der Ev. Kirche von Westfalen, stellte in der sich anschließenden und von ihm moderierten Diskussion die Frage, mit welchen konkreten Schritten die Kirchenspaltung zu überwinden sei. Beutel sieht dafür den Weg von unten nach oben. An der Basis, in Gemeinden und auf Tagungen müssten Einladungen zu Abendmahl und Eucharistiefeier ausgesprochen und angenommen werden.

Lammert warb darum, Vielfalt aufrecht zu erhalten und beschrieb eine geeinte Kirche als Haus mit verschieden Wohnungen, die von unterschiedlichen Menschen bevorzugt werden. »Wir sind das Volk« meinte er, »es ist unsre Aufgabe, als Personen die Institutionen zu verändern.«
Beutel und Lammert stimmen darin überein, dass in Deutschland das Verhältnis zwischen Kirche und Staat fruchtbringend ausbalanciert sei. Bei ethischen Entscheidungen seien kirchliche Äußerungen relevant. Doch wichtig sei ihm, so Lammert, dass niemand, auch kein Bischof, meine, die einzig richtige Wahrheit zu kennen.

Die Referenten zeigten großen Respekt für einander, der in Lammerts Äußerung gipfelte: »Wenn wir beide an der Zukunft der Kirche arbeiten würden, wären wir heute Abend mit dem Thema durch.« Das Publikum dankte mit lang anhaltendem Beifall, die Superintendenten mit Nachbildungen des Christuskreuzes 2017, das der Mescheder Benediktinermönch Pater Abraham für einen ökumenischen Versöhnungsgottesdienst am 11. März in Hildesheim geschmiedet hat.

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